Wednesday, September 06, 2006

Die Möglichkeit ...

Die Möglichkeit, dass die Effizienz der Wirtschaft nicht weiter oder langsamer wächst und wir dadurch weniger konsumieren und dann weniger arbeiten, scheint niemand ernsthaft zu erwägen. Stattdessen unterwerfen wir uns der Gier des immer größeren Konsums und einem enormen Leistungsdruck an Effizienz und Geschwindigkeit unserer persönlichen Zielerreichung. Wir übersehen, dass wir schon in einer hoch entwickelten Überflussgesellschaft leben, in der die Bevölkerung eine so reiche Versorgung hat, dass nicht mehr deren Existenz und Komfort das wirtschaftliche Anliegen ist, sondern die Erhaltung des Produktionswachstums. Jeder einzelne von uns muss möglichst viel konsumieren und deshalb massiv beworben werden, um durch seinen Konsum die Erhaltung von Wirtschaftkreislauf und Wohlstand zu gewährleisten.

Unser Vertrauen in den Wohlstand ist aber ein tiefsitzendes Missverständnis, wenn wir glauben, es ginge ganz direkt um unser persönliches Wohlbefinden. Primär ist in unserem System der persönliche Konsum Mittel und notwendiger Motor allen Wachstums. Es wird heute allgemein davon ausgegangen, dass der Konsum eines Menschen mit seinem Glück gleichzusetzen ist. Genau darin besteht das größte Handicap der Wachstumsgläubigkeit, denn es bedeutet die Fixierung der Menschen in Unglück und Trauer. Auch wenn über das vorgegaukelte Glück zahlloser Betäubungen durch Konsum ein ganz anderer Schein der aktuellen menschlichen Situation entsteht. Erst durch diese fragwürdige Verbindung von volkswirtschaftlichem Wohlstand und individuellem Glück wird der falsche Zauber unserer Konsumgesellschaft am Leben erhalten. Wenn man Wohlstand an Faktoren misst, die sich nicht quantifizieren lassen, aber dennoch einen erheblichen Einfluss aufs individuelle Wohlbefinden haben, kommt man zu einem ganz anderen Ergebnis. Denken Sie an das Betrachten der Schönheit einer Wiese, an die Begegnung mit freundlichen, entgegenkommenden Menschen oder an die Verwirklichung einer aufmerksamen Haltung der Menschen untereinander.

Wir können den weltweit höchsten Wohlstand erreichen und doch unglücklich in einer toten Umgebung leben. Es ist wissenschaftlich durchaus beweisbar, dass eine auf freiem Wettbewerb basierende Leistungsgesellschaft mehr Wohlstand im materiellen Sinne erzeugt als eine andere Form des wirtschaftlichen Zusammenlebens von Menschen. Allerdings bedeutet das natürlich nicht, dass Menschen damit auch glücklicher sind. Kann ein freiwilligeres Gesellschaftssystem durch gegenseitige Aufmerksamkeit und Kooperation nicht zu einem insgesamt lebenswerteren Ergebnis führen? Der Gedanke, die heutige Leistungsgesellschaft auch nach dem Zusammen-bruch der sozialistischen Systeme höchstens als die zweitbeste Lösung zu verstehen, ist aus dem Fokus der meisten Menschen fast verschwunden. Die aus der Tatsache eines suboptimalen Zustandes folgende Suche nach der besseren Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens findet nicht konsequent statt.
http://bistdufrei.de

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